Profil

Den theoretischen Rahmen des Arbeitsbereichs bildet die aktuelle sozialwissenschaftliche Diagnose einer „großen Transformation“ in kulturellen, sozialen, politischen und ökonomischen Bereichen der Gesellschaft. Diese sind wie in einem Brennglas im urbanen Raum ablesbar. Die Frage - in welcher Stadtgesellschaft wir heute leben - wird im Zusammenhang von zunehmender sozialer Heterogenisierung, Polarisierung und Individualisierung mit Folgen wie verstärkte Exklusions- und Segregationsprozesse gestellt. Die Antworten nach der planerischen Steuerbarkeit dieser Transformationsprozesse fallen dementsprechend unübersichtlich und vielfältig aus. Es gibt nicht das eine Stadtmodell, sondern eine Vielzahl zum Teil auch widersprüchlicher und überlappender Beschreibungen von Stadt.

Urbanistik steht im Spannungsfeld von sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen zum Städtischen, Steuerbarkeit von Stadtentwicklungen und den Herausforderungen des architektonischen Städtebaus. Im Rahmen des Arbeitsbereiches Urbanistik wird dieser Spannungsbogen der Stadtforschung diskutiert und versucht ein spezifisches Kennzeichen einer „wissenschaftlichen“ Urbanistik zu erarbeiten: Was kennzeichnet eine urbanistische Forschung an der Schnittstelle zwischen baulichen, planerischen und gesellschaftswissenschaftlichen Disziplinen? Inwiefern ist „Urbanistik“ eher ein modischer journalistischer Begriff aus dem Feuilleton, oder steckt hinter dieser interdisziplinären Blickrichtung auf das Forschungsdreieck „Raum“, „Gesellschaft“ und „Steuerung“ doch auch ein Versuch neuer Sichtweisen auf das „Städtische“?
 
Städte werden dabei als spezifische Orte der sozialen, ökonomischen, kulturellen und politischen Produktion und Konsumtion begriffen, die eigenständige sozialräumliche Organisationsformen hervorbringen. Im AB “Urbanistik” wird ein interdisziplinärer und sozialwissenschaftlich orientierter Zugang zu Räumen und Orten verfolgt, wobei der Ort als eine Verflechtung zwischen baulich‐manifesten Strukturen und sozial‐psychischen Strukturen angesehen wird.

Unter dem Begriff “Urbanistik” werden in diesem Kontext heterogene Konzepte zur Analyse und Steuerung sozialräumlicher Transformationen in den Städten gefasst, welche die “Stadt” als Ganzes im Sinne der Manifestation sozialräumlicher Strukturierung sowohl der Makro‐ wie der Mikroebene verstehen. Ein Teil der Forschungen im AB Urbanistik baut auf der Tradition der qualitativ ethnographisch und lebensweltlich orientierten Stadtforschung der Chicagoer Schule auf. Zum anderen werden insbesondere drei Trends postindustrieller Stadtentwicklung betrachtet:

  • Die zunehmenden Prozesse der Polarisierung, Fragmentierung und Heterogenisierung des Territoriums und der Lebensstile in den Städten. Im Vordergrund der Analyse stehen dabei Ausdifferenzierungen von Gemeinschafts‐ und Gesellschaftsformen an je spezifischen urbanen Orten.
  • Die zunehmenden Prozesse der Exklusion und Segregation im Gefolge des demographischen Wandels, der Migration und Verstärkungen sozialer Ungleichheit in den Städten. Im Vordergrund der Analyse stehen dabei Desintegrationsprozesse zunehmender Bevölkerungsgruppen in den Städten und die sozialräumlichen Folgen von Armut und sozialer Ausgrenzung.
  • Im Zuge der Ausdifferenzierung von Interessen und Aneignungsmöglichkeiten des städtischen Raumes ist die Steuerung baulicher und sozialräumlicher Entwicklung vor neue Herausforderungen gestellt. Die gleichzeitige Orientierung an der ökonomischen Wettbewerbsfähigkeit (creative industries, Tourismus, Kultur) und des städtischen Zusammenhaltes (soziale Stadt, Integration) bringt auch neue Herausforderungen für die (Um)Gestaltung des städtischen Raumes.