Lokalkolorit: Wien ist ein (bisserl) anders?!

Der AB Urbanistik ist in den Forschungsthemen und Fragestellungen nicht nur durch die internationale Fachdiskussion in Stadtplanung, Stadtsoziologie oder Städtebau geprägt, sondern auch stark durch die Stadtpolitik und die Stadtentwicklungen in Wien beeinflusst. Städte zeichnen sich durch verschiedene Gesellschaftsstrukturen und auch Planungskulturen aus, die die Stadt selbst und deren Entwicklung prägen und die Identität einer Stadt beeinflussen. Aus diesem Grund folgt hier ein essayistisch gehaltener kurzer Beitrag von René Kreichauf, ein Mitglied des AB Urbanistik. Kreichauf hat einen Studienaufenthalt in Wien mit einer Lehrbeauftragung an der TU Wien und einer Mitarbeit im AB Urbanistik verknüpft. An dieser Stelle einen herzlichen Dank für diesen Text, der mit einem gewissen Augenzwinkern einen „tieferen“ Einblick auf die Stadt Wien wirft.

Zwischen Obrigkeitsglauben, Hochmut und Selbstverliebtheit – die kleine Vienna

Wien ist ein Klischee. Überall riecht es nach Kaffee und Kuchen, am Abend nach Würstel und Schnitzel. Bier wird überall getrunken, geraucht auch. Pferde kutschieren fotografierende Touristen durch die Innenstadt. Die Stimme der Stadt ist sanft – eine ruhige Großstadt mit einer eher gediegenen denn hektischen Atmosphäre. In Wien ist alles irgendwie etwas langsamer - vielleicht gemütlicher, vielleicht auch langweiliger. Wien ist dank imperialistischen Erbe und Hochkultur schön, pompös und historisch – eine stattliche Großstadt, überschaubar dennoch, irgendwie ziemlich provinziell.


Der Wiener interessiert sich für’s Fremde und betrachtet es aufmerksam, bewertet es gern und kommentiert, wenn es sein muss. Anonymität der Großstadt? - Fehlanzeige! Der Wiener wirkt grantig und abweisend, ist aber eigentlich neugierig und redet aus Unsicherheit lieber als dass er schweigt. Letzteres stünde ihm manchmal etwas besser. Bei ersterem wirkt er dann und wann ziemlich unbeholfen. Der Wiener pflegt den Anspruch seine Stadt zu kennen. Er hebt gern das Besondere hervor, auch wenn er im nächsten Moment darüber herzieht. Der Wiener kommt aber eigentlich nur selten aus Wien. Er sieht ziemlich bunt aus. Er lebt gern in dieser Stadt, die sicher ist und lebenswert und schön und so.


Wien ist (ein bisschen) anders. Wien ist ein kleines zickiges Mädchen, das im ersten Leben mal groß war und jetzt wieder groß werden möchte – mit brachialer Gewalt. Das kleine, bockige Kind schaut andauernd auf andere ohne ihr eigenes Handeln zu evaluieren. Die kleine Vienna findet das nicht schlimm. Es weiß um seine Persönlichkeits- und dissoziative Identitätsstörung. Rot ist ihre Lieblingsfarbe – schon ganz ganz lange! Doch auch die kleine Vienna ist schon längst Opfer neoliberaler Charaktereigenschaften geworden. Sie beschwört feierlich und selbstinszenierend das Soziale, genießt es aber Prostituierte und andere marginalisierte Gruppen aus der Stadt zu treten. Sie meint, dass Vielfalt und Diversität zwar ganz wunderbar sind, aber nur solange es eben zum Erreichen der Ziele der kleinen Vienna dienlich ist: Das habgierige Wien will nämlich alles sein und alles haben - ,Jetzt oder Nie!’ Der kleine egozentrische Nimmersatt rühmt sich als ,smart city’ und ,innovativste Stadt’. An die Bim hängt sie sich Regenbogenfähnchen und schmückt sich so als ,Gay City’. Da Radeln jetzt auch überall cool ist, will die kleine natürlich gern ,Velo City’ werden. Am meisten freut sie sich wohl die Lebenswerteste unter allen anderen Städten zu sein. Darauf ist sie besonders stolz und sie schreit es gern jedem Ungläubigen ins Gesicht. Bei den ganz Großen will die geltungssüchtige Vienna selbstverständlich auch mitspielen: Global City ist das nächste Ziel.


Das kleine Ranking-Monster weiß längst, wie sie das alles erreichen muss und erreichen kann: ,Positionierung’ und ,behaupten im internationalen Wettbewerb’ sind ihre Lieblingswörter. Sie verändert ihre Struktur und preist sich internationalen Investoren an, neue Zentren hat sie zu bieten, sie erneuert sich selbst, verdrängt, was nicht ins Bild passt, hübscht die Innenstadt – das Herz der Vienna – auf, festivalisiert und privatisiert den öffentlichen Raum, baut Infrastrukturen aus. Das macht die kleine Vienna so wunderbar und sanft und vielleicht heimtückisch, dass die Mehrheit die eigentlichen Interessen von Vienna nicht erkennt. Richtig böse und tyrannisch wird Vienna daher, wenn sie jemand durchschaut und beleidigt. Kritik und Diskussionen duldet sie nicht. Vienna setzt voll auf Obrigkeitsglauben. Beteiligung findet sie daher ziemlich doof. Vienna wird ja aber auch erst noch erwachsen. Bis dahin beschäftigt sie sich hoffentlich etwas mehr mit sich selbst, lernt aus ihren Fehlern und begreift, wie sie ihre eigenen Ansprüche nicht nur inszenieren sondern ihnen auch gerecht werden kann.

Von René Kreichauf