Collaborative Teamwork GRAWI '97:

Der dritte Anlauf zum
"Internet-Entwerfen"
[#1]

English - Deutsch

Bob Martens (TU-Wien)

Wolfgang Dokonal (TU-Graz)


Fig. 1: Projektlogo "Floating Architecture"
Abstract

Das Kürzel GraWi stellt die etwas merkwürdig klingende Mischung aus den Universitätsstandorten GRAz und WIen dar. Sie fungiert derzeit als "Nachfolgemodell" für das im Jahre 1996 durchgeführte Projekt BraGraLuWi, an dem sich auch die Standorte BRAtislava und LUton beteiligten. Ein Jahr zuvor (1995) wurde bereits ein gemeinsames Projekt-Entwerfen in der BraGraLu-Konstellation durchgeführt. In diesem Beitrag wird der Versuch einer Bewertung angestellt.

Einführung

Das Hauptaugenmerk der Betreuuer galt dem generellen Einsatz von EDV-gestützten Methoden beim Architekturentwurf, unter besonderer Berücksichtigung des collaborative teamwork. Hinzu kam das Faktum, daß zum Erfahrungshorizont seitens des betreuenden Lehrkörpers u.a. auch die EDV-(Grund-)Ausbildung gehörte und somit die Vielfalt im CAAD-Lehrangebot ausgedehnt wurde. Aufbauend auf den bisherigen Erfahrungen zum Thema collaborative teamwork wurde nun ein neues Projektthema angeboten, wobei Arbeitsstruktur und Ablauf entsprechend adjustiert wurden. Wenn die Studienbedingungen allzu unterschiedlich sind bzw. die Lehrveranstaltungen, in deren Rahmen die Projektarbeit abläuft allzusehr in der Wertigkeit differieren, entsteht eine nahezu unüberbrückbare Situation.

Es waren letztendlich die bescheidenen praktischen Erfahrungen mit dem Internet bzw. mit EDV-Netzwerken, die höchst unterschiedliche Wertigkeit der jeweiligen Lehrveranstaltungen im Studienplan und die Altersstruktur der teilnehmenden Studierenden, welche bei den ersten Versuchen (1995 und 1996) eher die Einschränkungen am collaborative teamwork deutlich machten. Dies hatte einen "Rückfall" in konventionelle Arbeitsweisen zur Folge.

Aufgrund der für Österreich gültige Studienverordnung sind die Studienbedingungen für das Fach Architektur in Graz und Wien theoretisch weitgehend vergleichbar. Dementsprechend wäre auch die Stellung der Pflichtlehrveranstaltung Entwerfen, in deren Rahmen GraWi '97 verlief, einzustufen. Sowohl in Graz als auch in Wien gelten die Entwerfen-Übungen als Kernfach des Architekturstudiums. Dennoch macht sich eine gewisse 'couleur locale' in der praktischen Durchführung bemerkbar. So wird ein sog. großes Entwerfen [#2] an der TU-Graz üblicherweise über mindestens zwei Semester abgewickelt. Dies führte dazu, daß die Durchführung an beiden Standorten in gewissem Maße asynchron verlief. So sollte bei einer Wiederholung ggf. am einen oder anderen Standort entsprechend früher angefangen werden, damit es wirklich zum gleichzeitigen Abschluß kommt.

Die Handhabung resp. der Umgang mit EDV-Ausstattungen ist an beiden Technischen Universitätsstandorten "kompatibel" und von einem gerüttelt Maß an Selbstorganisation gekennzeichnet. Das Vorhandensein der dem "Stand der Technik" entsprechenden Kommunikationsinfrastrukturen bot eine Chance, wobei sich jedoch die Arbeit am Entwurf nicht vom Umgang mit Verfahren der Telekommunikation verdrängen lassen sollte. Ein Interesse am kooperativen Entwerfen und der Kommunikation via Internet wurde bei allen Beteiligten angenommen. Es wurden daher dementsprechende EDV-Kenntnisse - und die Bereitschaft zur diesbezüglichen Weiterbildung - vorausgesetzt. Freilich mit Augenmaß, damit der Teilnehmerkreis nicht ausschließlich "Computerfreaks" umfassen würde.


Fig. 2a: Projekt Anton Mariacher (Graz)


Fig. 2b: Projekt Anton Mariacher (Graz)


Fig. 3a: Projekt Borislav Petrov (Wien)


Fig. 3b: Projekt Borislav Petrov (Wien)


Fig. 4a: Projekt Michael Dautermann (Graz)


Fig. 4b: Projekt Michael Dautermann (Graz)

Projektbeschreibung und
Leistungsumfang

Aufgabe war es, über das Recycling von Motorfrachtschiffen [#3] ein Entwurfskonzept zu erarbeiten. Die Nutzung konnte öffentlich geartet sein, sollte jedoch mit einer innovativen Funktion verbunden werden. Darüberhinaus war das Phänomen "Wasser in der Stadt" an beiden Standorten - wenn auch mit unterschiedlichen Wertigkeiten - gegeben. Daraus ergab sich ein gemeinsamer Denkhintergrund, und verbindende bzw. konvergierende Aspekte konnten herausgefiltert werden.

Das Generalthema "Floating Architecture" wurde frühzeitig festgelegt, um den etwaigen Einstieg von weiteren Universitätsstandorten zu ermöglichen bzw. zu begünstigen. Dies war auch in der "BraGraLu(Wi)"- Konstellation bereits der Fall gewesen. Hier wurde die Umnutzung eines Bestandes, wie z.B. eines Wasserturmes oder eines Gasometers, als Leitthema fixiert.

Die zu erbringenden Leistungen für das GraWi-Projekt waren wie folgt definiert:

  • Bestandsanalyse und Erarbeitung eines Nutzungskonzeptes;
  • Entwurfsstudien (Aus- und Umbau) einschließlich Bearbeitung der technischen Aspekte im Maßstabsbereich 1:100 bis 1:1;
  • Vollumfängliche Darstellung der Entwurfsidee einschließlich einer globalen Bearbeitung der Standortbedingungen;
  • Bau eines Architektur- und/oder VRML-Modells und
  • Präsentation mittels einer www-homepage.
Vorgangsweise und Ablauf

Als Einstieg war zunächst der thematische Rahmen zu erarbeiten. Dies betraf insbesondere die Informationsaneignung und eine grundlegende Projektvorstellung. Ebenso waren Vorarbeiten bzw. gemeinsame CAD-Modellierungen und Modellbauten zu leisten (VRML-Grundmodell bzw. Schiffsstrukturen). Die Konzeptphase wurde mit einer individuellen Ideenfindung abgeschlossen. Im Rahmen eines zweitägigen Intensiv-Seminars an der TU-Graz erfolgte zum einen die Konzeptpräsentation in plenum und wurden zum anderen drei verschiedene Themengruppen gebildet. Die abschließende "Internet-Entwurfsarbeit" war mit Semesterende terminisiert. Letztendlich waren dabei nicht nur nur die Endergebnisse, sondern auch markante Zwischenschritte fortlaufend im world-wide-web zu präsentieren.

Die Beteiligung verlief an sich zufriedenstellend. Es kam eine gewisse "Grundmenge" zustande, wobei von einer übersichtlichen Teilnehmerlandschaft - jedoch ohne Massenansturm - die Rede war. Das Intensiv-Seminar an der TU Graz sollte nicht nur ein gegenseitiges Kennenlernen und einen Erfahrungsaustausch zuwege bringen (alle Teilnehmer hatten bereits ein Konzept erarbeitet), sondern diente vor allem auch dazu, die Organisation der Entwurfsbeiträge in Themenkreise mit zugeordneten bulletin boards zu realisieren.

Obgleich das bulletin board am ehesten noch im Themenkreis "Frei-Zeit" funktionierte, hielt sich die Beteiligung deutlich in Grenzen. Und dies obgleich die Teilnehmer inzwischen Bekanntschaft gemacht hatten und die bulletin boards für durchaus nützlich gehalten wurden. Die Aufteilung in drei Bereiche war auch deshalb vorgenommen worden, weil sich bei entsprechender Informationsanlieferung vermutlich eine schwer bewältigbare Menge ergeben könnte. Eine solche flutartige Verbreitung hätte womöglich erst recht zur Resignation geführt. Eine Kompartimentierung sollte die theoretisch denkbare Möglichkeit des sich Entziehens verringern. Bedarf es vielleicht dann doch einer Überwindung sich quasi "öffentlich" zu äußern oder gar einer garantierten Diskretion, so wie dies zwischen zwei Teilnehmern vereinbart werden kann? Denn was sich womöglich auf der direkten e-mail-Ebene zwischen einzelnen Teilnehmern abgespielt haben mag, kann von "Dritten" in der Regel nicht beobachtet werden.


Fig. 5: Projekt Mario Mihaljevic (Wien)


Fig. 6: Projekt Gottfried Markom (Wien)


Fig. 7a: Projekt Johann Strasser (Wien)


Fig. 7b: Projekt Johann Strasser (Wien)


Fig. 7c: Projekt Johann Strasser (Wien)

Präsentation und Ergebnisse

Zu Anfang der Projektarbeit verfügten noch nicht alle Teilnehmer über eingerichtete homepages bzw. HTML-Kenntnisse. Dieses Manko wurde durch die studentische Zusammenarbeit rasch überwunden. Ebenso fand in diesem Bereich ein selbstorganisierter Erfahrungsaustausch statt. [#4] Auch wenn im großen und ganzen recht unterschiedliche Erfahrungshorizonte im Umgang mit EDV-gestützten Methoden gegeben waren, führte dies des öfteren zu einer überraschenden Weiterbildung seitens der beteiligten Studierenden.

Da der jeweilige Projektstand des Entwurfsprozesses ständig zu dokumentiert war, stellte die unmißverständliche Ablesbarkeit von Änderungen (Abfolge von Projektentwicklungsstufen) eine unumgängliche Notwendigkeit dar. Eine vom Standpunkt der Informationsvermittlung schwer lesbare homepage wird nicht gerne betrachtet und beinhaltet das Risiko, daß inzwischen erfolgte Änderungen und Neuentwicklungen nicht wahrgenommen werden. Einserseits wurden diesbezügliche Signale seitens der Informationskonsumenten im Laufe der Projektarbeit durch die Studierenden ernst genommen und es erfolgte daher des öfteren ein redesign. Andererseits wurden manchmal noch unreife Ergebnisse ins Netz gegeben ("Kinderskizzen").

Darüberhinaus wurden aber auch die Besprechungstermine [#5] in Form kurzgefaßter Kommentare der Gastkritiker bzw. ständiger Betreuer ins Netz abgelegt. Obgleich diese Möglichkeit erst im Laufe der GraWi '97 Projektarbeit vermehrt eingesetzt wurde, kristallisierte sie sich bald als eine richtige Entscheidung heraus. Auch "Dritte" - wie z.B. Studierende der gleichen Studienrichtung - konnten Abläufe global mitbeobachten und ggf. reagieren.

Schlußfolgerungen

Das skizzenhafte Arbeiten via "Internet" in einer world-wide-web-Umgebung will gelernt sein. Das Verhältnis zwischen reiner Graphik und Projektinformation ist zuweilen als problematisch anzusehen. Der Umgang mit den vorhandenen Beschränkungen einer www-Umgebung bezieht sich auf das "Kleinformat": die Bildschirmgröße wird zum Faktor. Auch hier wurden Lösungen aufgestöbert, wie z.B. die Aufteilung und in der Folge das auszugsweise vergrößern von Grundrißdarstellungen.

Es sollte überlegt werden, ob bei einem nächsten Versuch nicht obligatorisch Kleingruppen gebildet werden, deren Mitglieder sich aus mehreren Standorten zusammensetzen und gemeinsam ein Projekt entwerfen. Zu lösen ist jedenfalls in diesem Zusammenhang das Problem der "Trittbrettfahrer" innerhalb einer Arbeitsgruppe [#6] . Hier gilt es entsprechende Lösungen zu erarbeiten, denn eine funktionierende Gruppenarbeit ist keinesfalls als ein "Gottesgeschenk" zu betrachten. In der GraWi-Konstellation - wurde mit einer einzigen Ausnahme - die Entwurfsleistung individuell erbracht, was sich aus der Struktur der homepages ablesen läßt. Dennoch funktionierte die Idee collaborative teamwork innerhalb eines Standortes wesentlich stärker als dies sonst bei vergleichbaren Lehrveranstaltungen der Fall ist.

Die Möglichkeit des vernetzten Entwerfens "mit einem unbekannten Gegenüber" hebt sich deutlich von konventionellen Entwurfsmethoden ab. Das bedeutet jedoch, daß der "Zwang" für eine standortübergreifende Zusammenarbeit groß genug sein muß. [#7] Dazu wäre wahrscheinlich eine Intensivierung des Erstschrittes Konzepterstellung bzw. -Seminar mit anschließender Bildung von Gruppen nötig, welche aber dann konkret jeweils an einem gemeinsamen Projekt arbeiten. Unter Umständen müßte die Zahl an "analogen" Zusammenkünften in der Anfangsphase erhöht werden. In diesem Fall wäre die Annahme berechtigt, daß der intensivierte Austausch übers Netz funktionieren könnte. Es soll nicht übersehen werden, daß collaborative teamwork zeitintensiver Natur ist, was des öfteren ein spannungsvolles Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen zur Folge hat.